Aus dem Vorwort

Menschen können sich nicht aussuchen, wo und zu welchem Zeitpunkt der Geschichte sie geboren werden. Sie sind Reisende, die für die kurze Zeitspanne ihres Lebens anwesend sind. In späteren Jahrhunderten, wenn es sie dann gibt, werden Menschen sich vielleicht fragen, wie war es, in den 1960ern dabei gewesen zu sein? Wie war es, den Kalten Krieg, die Kuba-Krise und den Krieg in Vietnam zu erleben, die Concorde und die Mondlandungen, die Beatles und Bob Dylan? 

Ohne Bob Dylan wären die 1960er nicht die Sechziger gewesen. Heftig und unumkehrbar veränderten die Jüngeren die Welt. Sie führten zu einem gesellschaftlichen Wandel, der die westlichen Werte und Lebensweisen bis in die Gegenwart bestimmt. Bei Demonstrationen warf ich Steine auf Polizisten, gegen den schmutzigen Krieg in Vietnam, gegen Napalm und Agent Orange auf Kinder, gegen den Bundeskanzler mit der Nazi-Vergangenheit, gegen meine Wut und Leere, gegen die Welt, wie sie war. Manchmal stahlen wir dem Schulverein etwas Geld und schickten es dem Vietcong für den Kampf um sein Land. Mit siebzehn saß ich eine Nacht im Gefängnis. Ich war jung und glaubte, wir würden gewinnen. 

Unausweichlich musste ein Junge wie ich auf Bob Dylan treffen. Seine Songs begleiteten mich wie ein guter Freund oder ein älterer Bruder, er stand mir näher als meine Eltern. Doch wer ist Bob Dylan? Nur die Projektionsfläche meiner jugendlichen Hoffnungen und Träume? Sänger und Musiker oder Erlöser? Ein Poet? Ein Aktivist für Frieden und Humanität? Oder ein politischer Akteur oder Prophet? Ein musikalischer Pilger oder gar Revolutionär? Ein Feldherr mit Songs als Waffen? Eine Illusion?

Meine Erzählung verknüpft Bob Dylan mit seiner Zeit und stellt seinen Lebensweg in Verbindung zu seiner gesellschaftlichen Bedeutung. Ich beschreibe die soziale und politische Dimension seiner Songs, mich interessiert, was er in seiner Generation bewirkt hat, deren Stimme er war, aber nie sein wollte. Meistens zumindest.

Bob Dylan Cover: A hard rain’s a-gonna fall, Nobel Prize Award Ceremony 2016 ( Patti Smith)

Aus dem Buch

Wer hätte sich in den 1950ern, bevor es ihn tatsächlich gab, einen Jungen vorstellen können, der sich mit Gitarre und Mundharmonika vor Zehntausende stellt und singt, dass die Welt nicht in Ordnung sei?  Wer hätte darüber hinaus noch denken können, dass dieser Junge von seiner Generation dafür auf fast religiöse Weise verstanden, verehrt und geliebt wird? Und wer hätte, bevor es tatsächlich geschah, auch nur ahnen können, dass Millionen und Abermillionen Heranwachsende kollektiv aufhören könnten, an das zu glauben, was ihnen Eltern, Politiker und die Kirchen über das menschliche Zusammenleben und Dasein erzählen? 

Seine Lieder verkündeten Protest gegen die Verhältnisse und Träume einer besseren Welt. Wie kein anderer Künstler verbreitete Bob Dylan mit seiner Musik soziale und politische Inhalte. The times they are a-changin’ und Blowin’ in the wind stehen heute in Geschichtsbüchern. Masters of war, die wütende und aggressive Anklage gegen Militär und Kriegstreiber, kann als ein Meilenstein der Zivilisation gesehen werden. Später dann verdichtete er mit Like a rolling stone die Gefühlswelt der Jüngeren zu einem einzigen genialen Song, der alles erklärte.

Bob Dylan Cover: Let me die in my footsteps (Steep Canyon Rangers)

There’s been rumors of war and wars that have been, he meaning of the life has been lost in the wind […] When I go to my grave my head will be high […] 

Quote: Lyrics Bob Dylan, Let me die in my footsteps

Nie zuvor wurden Auseinandersetzungen um die menschliche Zukunft so global und grundsätzlich, so umfassend und so intensiv geführt wie in dem Jahrzehnt der 1960er. In allen westlichen Ländern wuchs ein breiter und tiefer Graben zwischen den Generationen. Der soziale Fortschritt, der die menschliche Spezies antreibt, von ihren frühen Anfängen bis zur bürgerlichen Demokratie und irgendwann auch darüber hinaus, entsteht nicht von selbst, sondern ist man-made und benötigt Ursachen, Anlässe und Protagonisten. Davon gab es in den 1960ern mehr als genug. Bob Dylan war einer von ihnen, ein ganz wichtiger, für nicht wenige seiner Generation vielleicht der wichtigste. Traue keinem über 30! Stelle alles infrage! Glaube keiner Autorität! Verändere alles! Nichts stand so für das Lebensgefühl von Heranwachsenden der 1960er wie diese Worte. Unzweifelhaft waren sie auch Bobs Mantra. 

Bob Dylan: Song to Woody


Herausragender Song des Freewheelin’-Albums war Blowin’ in the wind, zu dem Bob später erzählte, er habe ihn innerhalb von zehn Minuten in einer New Yorker Folkkneipe geschrieben. Ein freundliches, sanftes Lied, das sich rasend schnell um den Globus verbreitete und für viele Jahrzehnte als Anti-Kriegs-Hymne die Protestbewegungen in aller Welt stärken und inspirieren sollte. Blowin’ in the wind stellte Fragen, ohne Antworten zu geben. How many times can a man turn his head and pretend that he just doesn’t see? Ein Song, der das Lebensgefühl nach der Kuba-Krise und dem Kennedy-Mord einfing, der das unter Jüngeren verbreitete Gefühl zum Ausdruck brachte, dass die Welt nicht in Ordnung sei.

Rückblickend war Blowin’ in the wind nicht nur das Lied von Protest, Demonstrationen und politischen Aktionen, sondern gleichermaßen auch ein Volkslied  über den Zustand der Welt. Es verbreitete die Stimmung und den Zeitgeist der 1960er und sollte zu einem der bekanntesten Musikstücke des Jahrzehnts werden, von unzähligen Musikern gecovert. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi benötigte mehr als sechshunderttausend Worte, um seine epische Geschichtsschreibung über das soziale Unrecht seiner Zeit in Krieg und Frieden auszubreiten, Bob Dylan gelang es mit einem einzigen Song, den Schallplatten und Radios um den Erdball trugen. 

You can’t trust them anymore, sagte Mick Jagger in der Dokumentation Crossfire Hurricane zu den 1960ern über das Verhältnis vieler Jugendlicher zu den Erwachsenen. Die vielleicht zentrale Aussage, die sozialpsychologisch den Krieg der Generationen erklärt. Schnell sollte die Entwicklung von Unzufriedenheit und Misstrauen zu einer antiautoritären Rebellion und vielfältigen politischen Aktivitäten führen

Selbst wer als Jugendlicher noch brav in der sozialen Kontrolle von Familie und Kleinstadt lebte, gegen den Willen seiner Eltern und Lehrer lange Haare trug, nur die Beatles oder Rolling Stones hörte und mit seinem Mädchen abends in die Dorfdisco zum Rumfummeln fuhr, statt zu Demonstrationen zu gehen, war Part of the gang . Allein mit diesen Äußerlichkeiten und diesem Verhalten verstieß er bereits heftig gegen die Regeln der Welt, wie sie bisher war und wurde zu einem Teil der Jugendrevolte.